Von Stillmythen und anderen Herausforderungen vor dem Stillstart

Für jede (werdende) Mama ist das Stillen ein Thema, das so vollgeladen ist mit Erwartungen von außen, die wiederum auf die eigenen Wünsche, Sorgen und Unsicherheiten treffen. Hier den eigenen Weg zu finden, kann ganz abseits der eigentlichen Herausforderungen beim Stillstart eine echte Challenge sein. 

Zum Einen ist da die allgemeine Haltung, dass die Entscheidung über das Stillen schon mal untrennbar mit den Mutterqualitäten verbunden ist. Nur wer stillt, ist eine gute Mutter. Wer möglichst lange und voll stillt, ist eine noch viel bessere Mutter. Nur bitte nicht zu lange, das ist dann auch irgendwie wieder falsch. Und auch echt ungern in der Öffentlichkeit.

Nicht stillen zu können oder zu wollen ist dann ganz oft der Grund für jedwede Auffälligkeiten in der Entwicklung des Kindes. Schön, wenn es so einfach ist. 

Hinzu kommen viele Stillgeschichten – von Schmerzen über Milchstau bis hin zu blutigen Brustwarzen. Die folgenden Mythen halten sich hartnäckig, weswegen wir mit euch mal genauer hinschauen wollen: 

Mein Baby ist abends unruhig und schläft nachts nicht durch. Meine Milch reicht nicht aus.

So ziemlich alle Babys haben eine abendliche Unruhe und stillen sich in diesen Stunden vorzugsweise besonders viel. Einerseits können sie an der Brust ganz geborgen und sicher den Tag verarbeiten und stimulieren sich andererseits ihre Milchmenge für die kommenden Tage. Durchschlafen ist evolutionsbiologisch noch überhaupt nicht möglich. Mehrmaliges Aufwachen daher vorprogrammiert - unabhängig von der Art der Milch.

Mein Baby will stündlich gestillt werden. Es wird nicht satt, weil meine Milch zu dünn ist.

Die Muttermilch besteht zu 88 % aus Wasser, die übrigen 12 % aus den drei Hauptenergielieferanten Fett, Eiweiß und Kohlenhydraten sowie aus den Mikronährstoffen. Die Zusammensetzung bleibt über die Stillzeit hinweg nahezu gleich. Ein “zu dünn” kann es demnach nicht geben. Stündliches Stillen kann durch verschiedene Bedürfnisse ausgelöst sein. Hier lohnt sich ein differenziertes Beobachten und Hinschauen.

Stillen macht einen Hängebusen.

Die Form der Brust ist genetisch vorgegeben. Natürlich unterliegt sie einer enormen Veränderung durch die Pubertät und später auch durch die Größenzunahme in der Schwangerschaft. Das Drüsengewebe bleibt gleich, nur der Fettanteil der Brust steigt. Durch die Gewichtsabnahme in der Stillzeit kann sie sich dadurch wieder weicher und vielleicht sogar auch ein wenig hängend anfühlen, doch spätestens nach Ende deiner Stillzeit bekommt sie ihre Form wieder zurück.  

Meine Brust ist zu klein/zu groß/zu operiert - ich habe Hohl- oder Flachwarzen. Damit kann ich bestimmt nicht voll stillen.

Ein zu klein oder zu groß fürs Stillen gibt es nicht. Entscheidend ist die Menge des Drüsengewebes. Dieses kann auch in einer kleineren Brust ausreichend vorhanden sein. Auch mit allen Brustwarzenformen ist das Stillen grundsätzlich möglich, da gibt es kein normal oder unnormal. Auch nach Brustoperationen - besprich am besten den OP-Bericht mit deiner Gynäkologin/deinem Gynäkologen. Hier ebenso wie in den anderen Fällen empfiehlt sich eine Stillvorbereitung mit deiner Hebamme oder einer Stillberaterin, wenn du unsicher bist.

Mein Baby bekommt Bauchweh und Blähungen, wenn ich Zwiebeln o. ä. esse.

Dieser Mythos hält sich wirklich hartnäckig und so manch eine Mama würde das vermutlich bestätigen. DENNOCH: Stoffe, die Blähungen auslösen gelangen nicht in die Muttermilch. Babys Blähungen bzw. Bauchweh können grundsätzlich durch die Unreife des Darmes hervorgerufen sein, nicht aber durch das Essen der Mutter. Allerdings - und das ist sogar erwünscht - gelangen kräftige Aromen in die Muttermilch, beispielsweise Knoblauch oder Spargel. 

Meine Oma/Mutter/Tante/… konnte nicht stillen - das liegt bestimmt in der Familie. 

Ganz und gar nicht. Weshalb deine Mutter/Oma/Schwester/ Tante nicht stillen konnten oder vielleicht nur sehr kurz, kann unglaublich viele Ursachen haben. Beispielsweise das Stillen nach festen Uhrzeiten, das fehlende Bonding oder traumatische Geburtserfahrungen etc. Fakt ist, dass es überhaupt keinen erblichen Zusammenhang gibt.  

Stillen ist kostenlos.

Klar, rein finanziell ist das natürlich richtig, denn Stillen kostet de facto kein Geld. Und doch ist es keinesfalls kostenlos. Das Stillen deines Babys nimmt wahnsinnig viel Zeit in Anspruch – wertvolle Mama-Zeit, in der du wenig anderes machen kannst, als dein Baby zu versorgen. Es gibt diese Tage, die du mit deinem Baby stillend auf dem Bett oder der Couch verbringst und das Gefühl hast, rein gar nichts geschafft zu haben. Tage, an denen deine Energie eben gerade einfach dafür reicht, dich und dein Baby zu versorgen. Tage, an denen du dich vielleicht mit erwerbsarbeitenden Menschen vergleichst, die nach 8 Stunden nach Hause kommen, während du in Elternzeit Zuhause bist. Und dann hast du das Gefühl, sie würden arbeiten – während du den ganzen Tag frei und diese wunder-wundervolle Babyzeit hattest. 

Wenn wir genauer hinschauen, stellen wir schnell fest, dass allein das Stillen ein Fulltime-Job ist. Bei etwa zehn bis zwölf Mahlzeiten am Tag und in der Nacht, die meist zwischen 20 und 30 Minuten dauern, sind das fünf bis sechs Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Hinzu kommen die sonstige Babypflege, die Zubereitung deines Essens um überhaupt genug Energie für das Stillen zu haben und - solltest du zufüttern - noch das Zubereiten, Reinigen und Sterilisieren der Fläschchen. Also: Stillen ist also ein Vollzeitjob – ohne Urlaub, ohne die vorgeschriebenen 11 Stunden Ruhezeit zwischen Arbeitsende und Arbeitsanfang und eben – so ganz ohne Bezahlung. 

Und so oft auch ohne die Wertschätzung, darüber, was dieser Aufwand für dich bedeutet. Genau deswegen ist Stillen eben nicht kostenlos. Klar, euer Kontostand verringert sich nicht mit jeder Mahlzeit – Mamas Zeitkonto aber eben doch. Es hat einen ganz immensen Wert, sowohl zeitlich als auch körperlich und mental. 

Es fehlen positive Stillberichte & -erfahrungen

Da Stillen, wie so vieles andere rund um Geburt und Wochenbett einfach kein Thema ist, fehlen oftmals die positiven Stillerfahrungen und bestärkende Worte. Ebenso übrigens wie die ganz praktische Vorbereitung. Einer Freundin mal ganz genau beim Anlegen und Stillen zuzuschauen - wie toll wäre das eigentlich als Schwangere?    

hey Mama, wir wollen dich darin bestärken, dich ganz offen mit dem Stillen auseinanderzusetzen. Was bedeutet das für dich und dein Kind? Was ist die Biologie hinter all der Magie? Was wiederum ist alles andere als magisch? 

Du darfst deine Stillentscheidung wohl überlegen und deine Meinung jederzeit ändern. Du darfst deine eigenen Erfahrungen machen und für dich selbst entscheiden, welche Geschichten du im Vorfeld hören oder lesen möchtest. Du darfst jederzeit deine eigenen Grenzen abklopfen und erkennen. Und vor allem, du darfst dir jederzeit Hilfe holen, wenn sich das Stillen für dich nicht gut anfühlt. Denn auch wenn es ein natürlicher Vorgang ist: Das Stillen dürft ihr beide lernen - und das darf einen Moment dauern. 

hey Mama, schreib deine ganz eigene Stillgeschichte! 

Lass uns gemeinsam für dich sorgen.

Janine & Steffi, Hey Wow Mom